Afrika, Äthiopien, Reisen
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ÄTHIOPIEN – DER NORDEN

Äthiopien? Wie kommt man den da drauf? Da gibt es doch nichts außer Hunger und Wüste?“ Oder „Da würde mir auch was anderes für meinen Urlaub einfallen.“ Aber wie oft hatte ich das schon in den letzten Jahren gehört, wenn ich jemandem von meinen diversen Urlaubsplänen erzählt hatte. Fast schon genervt von den immer gleichen Einwänden, erzählte ich dann im Falle von Äthiopien von der fantastischen Landschaft, der interessanten Geschichte und den faszinierenden Menschen, die man dort erleben kann, ohne jedoch selbst so recht zu wissen, was mich erwartete. Mit den oben aufgeführten Argumenten kann man wohl kaum jemanden von dem Land überzeugen, aber das wollte ich auch nicht. Denn auch wenn sich der äthiopische Tourismus noch völlig in den Kinderschuhen befindet, bzw. einfach nur wenige Menschen wirklich anzieht, wird es doch nie ein Land für Massentourismus werden. Mancher Äthiopier würde es sich wünschen, aber – wie wir aus so vielen Beispielen anderorts wissen – würde es auch diesem Land trotz des erfolgversprechenden Wirtschaftsfaktors nicht gut tun.

 

Äthiopien – Traumreiseziel in Afrika

Obwohl es längst auf meiner Wunschliste weit oben stand, gaben den letzten Anstoß für meine Entscheidung dann die Reiseberichte und die unglaublichen Fotos von Freunden, die bereits mehrfach das Land bereist hatten. Ganz klar ist aber: Äthiopien ist nichts für Afrika-Einsteiger. Meine Freundin Ulrike war nach kurzer Terminabsprache sofort mit von der Partie. Diesmal hatten wir uns sehr zeitig auf das Datum festgelegt, denn bereits im Februar – 10 Monate vor der geplanten Abreise – stiegen die Preise für den Gabelflug innerhalb eines Tages um 150 Euro, was sicherlich auch an dem Datum rund um Weihnachten und Neujahr lag. Ausnahmsweise, weil wir noch eine Woche auf Sansibar am Ende anhängen wollten und eine online-Buchung nicht machbar war, entschieden wir uns, über Travel Overland zu buchen und so schafften wir es,  die Flugbuchung Frankfurt – Addis Abeba – Sansibar – Frankfurt für 800 Euro unter Dach und Fach zu bringen. Die Unterkunft für Sansibar, die Promised Land Lodge im Süden der Insel buchten wir ebenfalls sehr frühzeitig über booking.com, da auch die Zeit nach Neujahr dort schon sehr gut gebucht war und kaum noch bezahlbare Unterkünfte in toller Lage frei waren.

 

 

Mit der Routenplanung ließen wir uns zunächst noch Zeit, allerdings war klar, dass wir uns auch da bald entscheiden mussten, denn Hotels, in denen man gerne bleibt, sind immer noch Mangelware in Äthiopien und vielerorts schnell ausgebucht. Durch Erzählungen von den erfahrenen äthiopienreisenden Freunden war uns auch schnell klar, dass wir die Reise in der Zeit, die wir zur Verfügung hatten, nicht auf eigene Faust machen konnten. Dies ist mit Einschränkungen möglich für Backpacker, die viel Zeit haben, aber uns standen ja nur 18 Tage, in denen wir möglichst viel sehen wollten, zur Verfügung. Selbstfahrern ist in Äthiopien keine Option aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse und mangels Beschilderungen und Pannendiensten. Meine Freunde hatten unabhängig voneinander bei ihrer ersten Reise kleine Agenturen vor Ort aufgetan, mit denen sie dann Jahre später, als sie erneut dort waren, wieder reisten. Wir setzten uns mit beiden Unternehmen in Verbindung und entschieden uns dann für Awura-Tours, deren Preise realistisch und vernünftig schienen. Außerdem gefiel uns die Art und Weise, sowie die Zuverlässigkeit der Kommunikation von Awura. Das Angebot war professionell formuliert, auf unsere Wünsche wurde eingegangen und die vorgeschlagenen Hotels schienen für Äthiopien eine sehr gute Wahl. Der Kontakt war mit der Mitarbeiterin Zertihun sehr persönlich, schnell und auch professionell.

 

In nur sieben Stunden von Frankfurt nach Addis

Am 16.12. ging es dann los. 46 kg Freigepäck für den internationalen Flug wollte ich auf jeden Fall ausschöpfen und bekam von vielen Freunden noch Kleidung und Spielzeug mitgegeben. In Äthiopien kann alles dringend gebraucht werden und die direkte Hilfe ist nun mal die beste, auch wenn der Transport mit der Bahn von Augsburg nach Frankfurt mit 46 kg im wahrsten Sinne des Wortes ein Kraftakt war. Wir flogen mit der Ethiopian Airline, Mitglied der Star Alliance, die mit Recht für sich in Anspruch nimmt, eine der besten Airlines Afrikas zu sein. Sechs Stunden dauert der Direktflug von Frankfurt nach Addis Abeba nur – allerdings war an Schlaf nicht zu denken, denn da der Service bereits auf die afrikanische Langsamkeit einstimmte, wurde uns zwei Stunden nach Abflug das Abendessen serviert, zwei Stunden später das Frühstück und da es sich jetzt nicht mehr rentierte das Licht auszumachen, warteten wir alle müde auf die Landung um sechs Uhr am Morgen bei nur zwei Stunden Zeitverschiebung.

 

 

Die erfolgte mehr als pünktlich und so machten wir uns unausgeschlafen, aber in bester Laune auf den Weg zur Immigration. Ich hatte mein Visum auf dem Postweg bei der äthiopischen Botschaft in Berlin beantragt. Ulrike hatte sich für ein E-Visa entschieden, das seit einiger Zeit online erhältlich ist. Beides hatte problemlos mit kurzer Abwicklungszeit funktioniert. Ein Visum on Arrival wollten wir nicht beantragen, da wir lange Wartezeiten an der Immigration befürchteten, was aber keineswegs der Fall war – hätte ich doch mal diese Variante gewählt… Bei der Einreise machte mich nämlich ein netter Beamter darauf aufmerksam, dass mein Visum nur bis zum 23.12. gültig ist. Wie sich später herausstellte: Bei der Botschaft in Berlin hatte die zuständige Person nicht den 16.12. als Einreisetag, sondern den Tag der Ausstellung als erstmöglichen Einreisetag, den 24.11., eingetragen. Passiert öfter, wie ich später von der deutschen Botschaft in Addis erfuhr. Und damit begann eine Odyssee, die vermutlich manchem weniger Reiseerfahrenen den Urlaub, bevor er überhaupt begonnen hat, stark verleidet hätte. Und ich muss zugeben, mir setzte das Ganze auch zu, zumal wir im Laufe des Tages erfahren mussten, dass eine Verlängerung des Visums nur im Immigration Departement in Addis möglich ist, das natürlich am Wochenende geschlossen war.

 

Addis mit seinen Märkten

Da die Angelegenheit vor Ort nicht zu ändern war, machten wir uns auf den Weg, um uns vor dem Flughafen mit Zertihun zu treffen, die es sich nicht nehmen lassen wollte, uns selbst am Flughafen abzuholen. Sofort ging es mit ihr ins Zentrum von Addis Abeba auf einen der zahlreichen Stadtteilmärkte, auf dem hauptsächlich die landwirtschaftlichen Produkte des Landes wie Tomaten, Salat, Kartoffel und Chilieschoten angeboten werden. Der Wurf ins eiskalte Wasser! Unausgeschlafen, im Visumschock, wurden wir mit der Lebhaftigkeit des morgendlichen Treibens konfrontiert: Menschenmassen, die zentnerschwere mit Früchten gefüllte Körbe auf den Köpfen durch die kaum durchlässige Menge balancieren oder Säcke auf den Rücken schleppen. Hagere Menschen in zerlumpter Kleidung, vom Leben gezeichnete Gesichter, fröhliches Lachen und Ausrufe, den Geruchssinn strapazierende Düfte, anstrengende Beengtheit. Auf einmal von 0 auf 100 – auf einmal mitten in Äthiopien. Der Spaziergang war anstrengend, da man ständig ausweichen musste, um nicht von einem hastenden Korb- oder Sackträger gestreift zu werden oder ihn gar zu Fall zu bringen. Aber er katapultierte uns unversehens mitten ins Leben von Addis Abeba.

 

 

Zum anschließenden Durchatmen ging es zum ältesten Hotel von Addis, dem Taitu-Hotel, benannt nach der Gattin des Gründers von Addis, Menelik dem II. Im Garten, der uns nach dem Marktbesuch wie eine Oase der Ruhe vorkam, gab es nun zunächst ein traditionelles Frühstück mit dem zu allen Mahlzeiten gereichten Brot Injera, das wie die Äthiopier sagen, süchtig macht. Mancher Tourist hat schon nach dem ersten Bissen genug davon, ich hingegen liebe es sofort mit dem säuerlichen Geschmack – und liebe es auch am Ende der Reise noch! Vermutlich bin ich jetzt auch süchtig danach… Eine Sucht, die jedoch ein baldiges Ende nach meiner Rückkehr finden wird, denn das dafür verwendete Getreide Teff wird nur in Äthiopien angebaut und ist bei uns in Europa noch schwer erhältlich.

 

 

Danach Zwischenstopp bei Awura-Tours im Büro und wieder unzählige Telefonate wegen meines Visums. Anschließend rasante Fahrt erneut zum Flughafen, um dort doch noch die Möglichkeit einer Visaverlängerung abzuklären. Man sicherte mir dort von offensichtlich wenig kompetenter Seite unbekümmert zu, dass es kein Problem wäre, ohne Visum im Land zu bleiben und bei der Ausreise dann eine Art Strafe zu bezahlen. Davon riet mir aber die deutsche Botschaft, die ich im Laufe des Tages auch einschaltete, aber dringend ab. Der ausgesprochen hilfsbereite, aber in der Angelegenheit wenig nützliche Attaché meinte, er wolle mich schließlich nicht im Gefängnis persönlich kennenlernen.

 

 

Nach diesem erfolglosen Versuch bummelten wir dann über den Mercato, den größten Markt Afrikas, einem der Highlights bei einem Addis-Besuch. Die Bezeichnung ist noch ein Überbleibsel aus den fünf Jahren Besatzungszeit durch die Italiener, die auch Pizza und Pasta ins Land gebracht haben. Im Vergleich zu der viel kleineren Variante vom Vormittag ging es auf dem Mercato richtig gemütlich zu, als wir am frühen Nachmittag durchschlenderten. Die Hauptbetriebsamkeit schien um diese Uhrzeit bereits etwas reduziert. Hier gibt es nichts, was es nicht zu kaufen gibt – Etwa 100.000 Händler und Marktstände bieten von Gemüse über Kleidung bis hin zu Werkzeugen und Baumaterialien alles an. Eine unglaubliche Geschäftigkeit herrscht hier in den schmalen Marktgassen und nicht nur die Fremdartigkeit der angebotenen Waren, sondern auch die Menschen, die diese Artikel feilbieten, lassen unsere Blicke immer wieder verweilen. Wie alt mögen diese ausdrucksvollen Gesichter wohl sein? – frage ich mich und da höre ich es kichern und die Damen, die uns hier so intensiv und belustigt betrachten, möchten genau dies von uns auch wissen, wie Zertihun übersetzt.

 

 

Nach dem Mercato statten wir Lucy im Nationalmuseum einen Besuch ab. Lange wollen wir uns nicht aufhalten, weil wir inzwischen einfach zu müde sind und uns die durchgemachte Nacht in den Knochen steckt. Aber natürlich muss man sie gesehen haben, vielmehr das, was von unserer aller Vorfahrin noch übrig ist. Der 3,2 Millionen Jahre alte Frühmensch Lucy ist der Beweis, dass die Wiege der Menschheit in Äthiopien liegt. 1974 wurden 42 Knochen von Lucy von einem englischen Forscherteam im Nordosten des Landes gefunden und seit einigen Jahren hält sie nun im Nationalmuseum Hof und empfängt Touristen aus aller Welt.

Entoto – Hausberg von Addis

Zertihun will uns am Ende des Tages noch auf den Aussichtsberg Entoto begleiten, der in der Tat einen tollen Ausblick auf die Stadt bietet und nur einige wenige Kilometer außerhalb der Hauptstadt einen völlig anderen Einblick in das Leben der auf dem Land angesiedelten Äthiopier offenbart. Das Bild wird von armen Menschen geprägt. Uns begegnen vor allem alte oder alt wirkende Frauen, die auf ihren gekrümmten Rücken Feuerholzbündel geschnallt haben, deren Gewicht wir wohl keine zehn Meter tragen könnten, von ihnen aber stundenlang den Berg hinaufgeschleppt werden. Das Sammeln und Tragen von Holz ist nämlich Frauensache. Bei einer netten Familie, die uns in ihrem bescheidenen Heim zu einer traditionellen äthiopischen Kaffeezeremonie einlädt, werde ich auch schon die ersten Stofftiere und Kleidungsstücke los. Nicht nur die Wiege der Menschheit liegt in Äthiopien, sondern auch die Wiege des Kaffees. Er schmeckt fantastisch, nachdem die Bohnen erst gewaschen, dann in einer Metallschale auf dem offenen Feuer geröstet, anschließend mit dem Mörser zerstoßen werden und dann aufgekocht werden. Anschließend wartet man eine geraume Zeit, bis sich das Pulver abgesetzt hat und gießt es dann in kleine Tassen. Leider unvermeidlich wird zu dem köstlichen Getränk auch eine Schale mit Weihrauch angezündet – ob gegen die Fliegen oder weil es so wunderbar riecht, kann uns bis zum Ende der Reise kein Äthiopier wirklich verraten.

 

Lalibela und seine Felsenkirchen

Am nächsten Morgen geht es früh wieder zum Flughafen. Praktischerweise wohnen wir in einem Hotel, das nur wenige Minuten vom Flughafen entfernt ist, im Ambassador Hotel. Von Addis sollte uns der Flug nach Lalibela führen, in den Norden des Landes zu den legendären Felsenkirchen. Nächste Überraschung: Unsere Flüge sind angeblich nicht gebucht. Nach längerem Hin- und Her, einigen Telefonaten und der Bezahlung von 62 Dollar pro Ticket sitzen wir auf den letzten Drücker in der Maschine und werden in Lalibela auch schon von unserem Fahrer erwartet. Zertihun, die wir am frühen Morgen aus dem Schlaf geklingelt haben, ist untröstlich bezüglich des Versehens mit den Tickets, lässt uns den Ticketpreis sofort durch den Fahrer erstatten und verspricht noch vehementer als am Tag zuvor, dass sie sich den ganzen Tag am Montag mit den Kopien meines Reisepasses auf der Einwanderungsbehörde tummeln wird, um zu vermeiden, dass ich selbst einen oder zwei Tage nach Addis fliegen muss, um das Visum zu verlängern. Ich drücke ihr und mir alle verfügbaren Daumen.

Unsere Unterkunft in Lalibela, die Sora Lodge, ist spektakulär und bietet einen sensationellen Blick in eine unglaubliche Landschaft. Eigentlich möchte man zunächst nur auf der Terrasse des Restaurants sitzen und den umwerfenden Ausblick genießen, aber das ist uns noch nicht vergönnt.

 

 

Ein Ausflug zur ca. 30 km entfernten Felsenkirche Yemrehane Kristos steht auf dem Programm. Die Fahrt dahin wird zu unserem ersten gewaltigen Naturerlebnis. Nicht nur die karge Bergwelt ist dabei das Highlight, sondern der Einblick in das dörfliche Leben, das sich uns zweischneidig präsentiert. Zum einen sieht man so viele glücklich wirkende spielende Kinder und lachende Menschen, zum anderen spricht aber aus so vielen Gesichtern das Leid und die Schwere des Lebens und der Armut. Die Zeit der Fahrt, für die 30 km benötigen wir ca. eineinhalb Stunden, wird uns nicht nur durch die beeindruckenden Bilder verkürzt, die an uns vorüberziehen, sondern auch durch die Erzählungen unseres Guides, der über das Leben in dieser Region Äthiopiens erzählt. Auch von seiner Familie berichtet er, von seinen Eltern, seiner Tochter und seiner Frau, die mit 12 Jahren zu seinen Eltern ins Haus zog, weil sie sich da versprochen wurden und sie sich langsam an die neue Familie gewöhnen sollte. Wie schon am Tag zuvor Zertihun, berichtet auch er, wie stark die Menschen von Traditionen und der äthiopisch-orthodoxen Religion geprägt sind. Man mag seine Schilderungen einschätzen wie man möchte, aber deutlich ist auch heute herauszuhören, dass die zum Teil archaischen Strukturen, die Menschen zwar zusammenhalten und moralisch stärken, das Leben jedoch nicht einfacher machen.

 

 

Die Sora Lodge ist sicherlich eine der schönsten Unterkünfte in Lalibela und immer wieder kommen Touristen nur vorbei, um den unglaublichen Ausblick und den Sonnenuntergang zu genießen. Das Essen ist super und wer jetzt schon die Nase voll hat von den zig Varianten von Injera, der kann dort auch mal Spätzle oder ein Schnitzel essen, da die Chefin des Hauses vom Bodensee stammt und die Lodge mit ihrem äthiopischen Mann gegründet hat. Eine große Überraschung ist der äthiopische Wein für uns, der im Rift Valley im Süden des Landes angebaut wird. Vor allem der Weißwein begeistert uns: Chardonnay vom Feinsten, der sich vor den südafrikanischen Weinen keineswegs verstecken muss.

 

 

 

 

Lalibela ist bekannt für seine Felsenkirchen und gilt als Ort der Mythen und des Glaubens. Erneut müssen wir früh raus, da elf Felsenkirchen auf unserem Besichtigungsprogramm stehen und da lässt unser Führer, den man für die Heiligen Stätten auch buchen muss, wenn man ganz individuell reist, nicht mit sich handeln. Stolz erzählt er von König Lalibela, der auf einer Höhe von mehr als 2.500 m in 23 Jahren diese elf Kirchen gebaut hat. Allein hat er dies nicht getan. Ihm halfen nachts Engel, alternativ können es auch ca. 46.000 Arbeiter gewesen sein. So genau möchte sich da der gläubige Äthiopier nicht festlegen. Wir Ungläubigen tendieren eher dazu, die zweite Erklärung als wahrscheinlich zu erachten.

 

 

 

 

 In der Tat sind diese Kirchen faszinierend und einzigartig. Am meisten hat mich die Kirche des Hl. Georg beeindruckt, die sich etwas abseits von der östlichen und westlichen Felsenkirchengruppe befindet und die jüngste der Kirchen von Lalibela zu sein scheint. Von oben kann man sehen, wie sie in Form eines griechischen Kreuzes aus dem Boden geschlagen wurde. Aber letztendlich sind wir doch froh, als wir um Viertel vor zwölf die letzte Kirche absolviert haben, gerade als der dortige Pope klar signalisiert, dass er jetzt gerne seine Mittagsruhe antreten möchte. Das würden wir auch gerne tun, aber immer noch ist nicht geklärt, wie es mit meinem Visum weitergeht. Die Äthiopische Botschaft zeigt sich bei einem Anruf in Berlin wenig kooperativ, sodass ich nun doch langsam ins Auge fassen muss, einen Abstecher nach Addis zu machen – alle Zeichen sprechen dafür, dass ich da nicht drumrumkomme.

 

 

Für mich ist ziemlich nervig, dass mir aufgrund fehlender Internet- und Telefonmöglichkeiten so die Hände gebunden sind und ich wenig selbst recherchieren kann. WLAN ist Mangelware in Äthiopien. Die liebe Zertihun tut zwar ihr Bestmögliches, aber am späten Nachmittag steht fest, dass ich am kommenden Abend nach Addis fliegen muss, am folgenden Tag ins Immigration Office gehe und hoffe, dann am Abend mit dem verlängerten Visum zurückfliegen zu können.

Aber zunächst ist noch ein nachmittäglicher Ausflug zu einer weiteren Kirche in der Umgebung von Lalibela geplant, die außerdem einen sensationellen Ausblick bietet. Ulrike streikt am Parkplatz unterhalb der Kirche und gesellt sich stattdessen zur Dorfjugend, die ihr von ihrem Leben in dem Bergdorf ohne Strom, von ihrem täglichen Schulweg und von ihrer Bücherei, die sie aufbauen, erzählen. Ich stattdessen beiße in den sauren Apfel, obwohl mir 11 Kirchen auch schon gereicht hätten, und mache mich an den Aufstieg, denn der Ausblick lockt doch sehr. Nach ein paar Fotos mit dem Popen, der dort als Einsiedler lebt und mir all seine heiligen Attribute vorführt, steige ich mit meinem Guide wieder ab und nun geht’s auch gleich zurück zu unserer Lodge, weil wir auf gar keinen Fall den Sonnenuntergang auf der Veranda verpassen dürfen. Gekrönt wird dieser Moment von einer Flasche köstlichem Chardonnay, den wir uns auch wirklich verdient haben, nach 12 Kirchen und der scheinbaren Lösung des Visaproblems.

 

 

Bahri Dar am Blauen Nil

Unser Fahrer lässt sich nicht davon abhalten, dass wir am nächsten Morgen schon um sechs Uhr aufbrechen von Lalibela nach Bahir Dar. Zähneknirschend stimmen wir zu. Gott sei Dank ist er hartnäckig. Die ersten Stunden des Tages werden sensationell! Die Fahrt führt zunächst zwei Stunden auf einer Straße, die man zum Teil eher als Maultierpfad bezeichnen muss, hinauf auf über 3.500 Meter Höhe. Wir erleben einen Sonnenaufgang in einer Bergkulisse, die einen sprachlos macht. Untermalt wird diese Szenerie durch die Menschen am Wegesrand und die Augenblicke des Dorflebens, die wir bei der langsamen Fahrt wahrnehmen. Archaische, fast biblisch anmutende Motive ziehen wie eine Art Film an uns vorüber – es ist faszinierend, ergreifend, wunderschön und macht betroffen. Wie schwer sind diese Leben? Zu dieser frühen Stunde wirken die Bilder noch eindrucksvoller.

 

 

 

 

 

Irgendwann wird die Straße dann besser als wir auf den sogenannten „Highway“ abbiegen. Es wird am Straßenrand bunter mit Märkten, die wir passieren und Dörfern, in denen der Alltag stattfindet. Mit zunehmendem Tag und zunehmender Besiedelung scheint auch das Leben für die Menschen leichter zu werden. Von der Hauptstraße geht es einen kurzen Abstecher nach Awra Amba, einem Dorf, von dem ich schon gelesen hatte und das nach der dort gelebten Philosophie fast einem Kibuzz gleicht. In Awra Amba gibt es keine Religionen und die Menschen leben in Frieden zusammen, ohne Zwangsheirat und ohne Beschneidung. Der Gründer der Community Zumra Nuru wurde inzwischen mit der Doktorwürde h.c. ausgezeichnet, da sein Dorf sich als vorbildliche Einrichtung sieht. Bei mir bleiben nach dem Besuch starke Zweifel, ob die heile Welt tatsächlich reell ist. Jegliche dazu konsultierte Literatur bestätigt die Ambivalenz des Vorzeigeprojekts, das sich zum Teil aus Spenden finanziert.

 

 

Gegen Mittag erreichen wir Bahir Dar, das als die schönste Stadt Äthiopiens gilt. Als mediterran wird die Stadt auch häufig bezeichnet und das hat sie vor allem dem Blauen Nil und dem Tana-See zu verdanken. Der Blaue Nil entsteht aus dem Tana-See heraus, verläuft 800 km auf äthiopischem Boden und vereinigt sich dann im Sudan mit dem Weißen Nil. Und wie wir da so beim Mittagessen am Ufer des Nils sitzen, wenige Meter von unzähligen Pelikanen, Kormoranen und Ibissen entfernt, eingerahmt von Astern und Kapuzinerkresse, mag man es nicht glauben, dass man in Äthiopien weilt. Der Kellner erzählt uns, dass sein Bruder seit einem Jahr in Deutschland ist und dass es ihm sehr gut gefällt. Er selbst hat Elektrotechnik studiert, findet aber keine Arbeit in seinem erlernten Beruf. Solche Geschichten haben wir schon häufig gehört. Ausgebildet sind viele junge Leuten sehr gut in Äthiopien, aber es gibt keine Arbeit für sie. Immer wieder hören wir dabei, dass dies am politischen System und an der Korruption im Lande liegt, was sich, je länger wir im Land sind, auch in unseren Köpfen manifestiert. So viele junge Äthiopier sind voller Pläne und Ideen und werden doch in ihrem Engagement durch die Realität völlig ausgebremst.

 

 

 

Wir machen noch eine kleine Stadtrundfahrt, fahren auf einen Aussichtsberg mit Blick auf den See und den Nil und passieren die Sommerresidenz des legendären, 60 Jahre an der Macht verweilenden, letzten Kaisers von Äthiopien, Haile Selassi. Für mich wird es nun Zeit, zum Flughafen aufzubrechen. Ulrike fährt danach zu unserer am Nilufer gelegenen Unterkunft Abay Minch zurück und freut sich auf einen entspannten Abend.

 

 

Ich lande 45 Minuten nach dem Start in Bahar Dar in Addis. Netterweise holt mich jemand vom Hotel am Flughafen ab. Auf der Fahrt zum Hotel diskutieren wir über den deutschen Fußball, den die Äthiopier lieben. Auf die Frage, ob sie denn eigentlich auch bei der WM mit dabei sind, erfahre ich, dass es nicht mal zur Teilnahme am Afrika-Cup reicht. Erschüttert stellt der junge Mann fest: Wir haben Hunderte von Weltklasseläufer in Äthiopien und keine elf Männer, die Fußball spielen können.

Erlebnisse mit der äthiopischen Bürokratie

Wenn ich behaupte, in dieser Nacht wirklich gut geschlafen zu haben, dann wäre es wohl deutlich übertrieben. Zertihun holt mich pünktlich am Hotel ab, um halb neun sind wir im Immigration Office. Wie es jemals ein Nicht-Äthiopier hier geschafft hat ohne fremde Hilfe an eine Visaverlängerung zu kommen, ist mir ein Rätsel. Wir wurden von Pontius zu Pilatus geschickt und die allseits bekannte Behördenwillkür in Äthiopien war deutlich zu spüren. 15 Minuten brauchte der Hauptsachbearbeiter schon um herauszufinden, welche Nationalität ich habe. Fragen wollte er weder Zertihun noch mich und daher war er mit meinem Europäischen Union Pass völlig überfordert. Gott sei Dank kam ihm dann doch irgendwann mal ein Kollege zu Hilfe. Der gesamte Prozess wurde dann insgesamt ein wenig beschleunigt, als eine Horde chinesischer Arbeiter einfiel, im gleichen Anliegen wie ich. Und da schien es dann doch angebracht, ein wenig Gas zu geben und mir die 150 Dollar für das Expressvisum etwas schneller abzuknöpfen. Dafür sollte ich das Visum aber auch noch am gleichen Tag um 16 Uhr bekommen, was für meinen Rückflug enorm wichtig war. Die Endstemplerin ließ sich zu keinem früheren Termin bewegen, da sie erst ihren Tee und ihr Schmalzgebackenes zu sich nehmen musste und sich ungern davon durch unsere Eile stören lassen wollte. Dass wir alle Schreibtische, die wir passieren mussten, überhaupt fanden, war nur der Tatsache zu verdanken, dass Zertihun schon am Montag alles erkundet hatte. Nach eineinhalb Stunden waren wir beide erschöpft, aber glücklich den ersten Schritt wohl bravourös gemeistert zu haben. Zwischendurch teilte Zertihun großzügig ihr neu erworbenes Wissen im Immigration Office mit anderen Auslands-Äthiopiern, die hilflos im Bürolabyrinth umherirrten, und obwohl der Sprache meist mächtig, ebenfalls eine Odyssee absolvierten. Meinen Vorschlag, dies als neue Geschäftsidee einzusetzen und einen internationalen Info-Stand gegen eine kleine Auskunftsgebühr im Office einzurichten, fand Zertihun durchaus spannend.

 

 

Jetzt war erst einmal Frühstück angesagt.  Injera fir fir – das äthiopische Nationalgericht zum Frühstück, zu Mittag und zu Abend. Ich könnte es auch zu jeder Tageszeit essen und meine Begeisterung ist immer noch ungebrochen. Wir nehmen diesmal den Minibus, da Zertihun der Meinung ist, dass ich nun gut auch ein paar intensivere „local“ Erfahrungen machen kann. Wir quetschen uns auf die schmalen Sitze und sofort möchte der Geldeinsammler im Minibus wissen, woher ich komme. Viele Ausländer nutzen den Service normalerweise sicher nicht. Bei Deutschland fällt ihm natürlich unmittelbar Fußball ein und umgehend teilt er mir mit, dass er gerne in meinem Koffer mit mir zurückreisen möchte. Der ganze Bus lacht, da er noch ausführt, dass er als mein Zähneputzer ständig zu meinen Diensten wäre, wenn ich ihn einpacke. Die Fahrt mit einem Minibus ist wesentlich günstiger als mit dem großen Bus, weil er häufiger hält und kostet umgerechnet sieben Cent. Addis hat seit Kurzem auch eine Tram, die natürlich die Chinesen gebaut haben, wie fast die gesamte Infrastruktur im Land, aber es gibt nur zwei Linien und meistens pro Tram nur einen Wagen, was dazu führt, dass das im Grunde eigentlich effiziente Verkehrsmittel wenig dazu beitragen kann, die Verkehrssituation in der Stadt zu verbessern. Wir nehmen den Dienst der Minibusse noch häufig an diesem Tag in Anspruch. Beim gemeinsamen Frühstück erzählt Zertihun über ihr Leben. Sie erzählt von ihrer Heimat auf dem Land, von ihrem Leben in Addis und von ihrer Studentenzeit in Hawassa. Allein diese gemeinsam Zeit, die vertraulichen Gespräche und der ehrliche Einblick ins tägliche Leben war den Ausflug nach Addis wert. Sie schlägt vor, in den früheren Palast von Haile Selassi zu fahren, wo heute das ethnologisches Museum und Teile der Universität untergebracht sind. Das passt bestens, lese ich doch gerade eine Biografie des letzten äthiopischen Kaisers, die von seinem Großneffen, der seit den 70er Jahren in Deutschland lebt, verfasst wurde.

Ein sympathischer junger Kerl führt uns beide durch das Museum und erzählt spannend, was es dort zu sehen gibt. Als wir uns schon eine halbe Stunde kennen, berichtet er mir auch von seiner Zeit als Lehrer bei den Afars, einem als besonders kriegerisch eingeschätzten Volksstamm im Nordosten Äthiopiens, dort wo sich auch eine der Hauptattraktionen des Landes befindet, die Danakil-Halbwüste mit einer der tiefsten Stellen der Erde. Es klingt unendlich spannend und ist auf jeden Fall nochmal eine Reise nach Äthiopien wert. Allein die Fotos, die mir davon gezeigt werden, sind so faszinierend.

Um 15.30 Uhr sind wir bei der Immigration und um 16 Uhr halte ich fast schon überraschend schnell und problemlos, überglücklich meine Visaverlängerung in Händen. Drei Stunden später bin ich zurück in Bahir Dar, wo mich Ulrike am Flughafen abholt. Von unserer Unterkunft, der Abay Minch Lodge bekomme ich relativ wenig mit, da es bei meiner Rückkunft bereits dunkel ist. Aber die Bungalows sind in einer schönen Anlage platziert, allerdings wirkt das Restaurant ein wenig trostlos und verlassen. Ulrike hat sich den Tag bei einer kleinen Wanderung zu einem Wasserfall des Blauen Nils und dem Marktbesuch in Bahir Dar vertrieben und erzählt am Abend ganz begeistert von der Hauptstadt der Amharen.

 

 

 

 

Der Tana-See mit Klöstern und Nilpferden

Den Ausflug zum Tana-See hatten wir um einen Tag verschoben, daher war unser Programm am kommenden Tag ein wenig gedrängt. Um sieben gings nun schon wieder los mit einer kurzen Fahrt zum Bootsanleger. Sematcha, ein unglaublich netter junger Äthiopier, der sich gerade mit seinem Boot selbständig gemacht hatte, brachte uns an diversen Inseln vorbei, die alle mit sehenswerten Klöstern bestückt sind, zur Halbinsel Zeghie.

 

 

 

Dort erwartete uns ein Äthiopischer Dandy mit Schmuck behangen und goldener Sonnenbrille dekoriert, der unser Guide beim Kloster Ura Kidane Mehret sein sollte. Das Kloster ist mit seinen Malereien, die den Gläubigen das Christentum erklären, wirklich ein Kleinod. Wir hatten zudem noch Glück, da gerade anlässlich des Feiertags des Erzengels Michael eine Messe stattfand. Eine Messe ist eine sehr langwierige Geschichte im äthiopisch-orthodoxen Glauben, aber dafür haben die Mönche und zukünftigen Mönche auch einen Stab, auf den sie sich zum Ausruhen lehnen können, hin und wieder wird er auch zum Taktangeben verwendet.

 

 

 

 

Nach dem Kloster machten wir noch einen Abstecher zum angeschlossenen Museum. Danach ging es durch eine inzwischen fast vollständig aufgebaute und bestückte Ladenstraße zurück zum Boot. Was für ein Aufwand für die paar Touristen, die hier hin und wieder vorbei kommen. Unser Guide machte uns unmissverständlich darauf aufmerksam, dass Deutsche Gäste hier immer kaufen. Als wir die Phantasiepreise der Waren hörten, war uns auch klar, womit er seine dandyhafte Ausstattung finanzierte. 100%ig war er zu einem großen Teil umsatzbeteiligt. Da wir uns weniger kauflustig zeigten als angeblich alle unsere Landsleute, gingen wir nicht gerade als gute Freunde auseinander.

 

 

 

Um so mehr freuten wir uns, dass uns der so engagiert wirkende Sematcha am Steg erwartete und uns zu den Nilpferden bringen wollte, die sich am Ufer des Lake Tana tummelten. Wer mich schon ein paar Jahre kennt, weiß um meine traumatischen Erlebnisse mit Hippos, aber Sematcha versicherte uns, dass die hier lebenden Exemplare sehr friedlich wären. Es war beeindruckend die Vogelwelt am Ufer des Sees zu beobachten und natürlich auch die gewaltigen Nilpferde, die ja als die gefährlichsten Tiere Afrikas gelten.

 

 

 

 

Allerdings zeigten sie doch meist nur ihre kleinen Öhrchen, was plötzlich den afrikanischen Ausdruck verständlich machte: „Das sind nur die Ohren des Nilpferds“, womit in unserem Sprachgebrauch die Spitze des Eisbergs gemeint ist. Ich söhnte mich in respektvollem Abstand mit den Tieren aus, indem ich sie nach vielen Jahren erstmalig wieder als possierlich bezeichnete und so machten wir uns wenig später auf den Weg nach Gondar.

Gondar mit seinen Schlössern

180 km Landstraße erwarten uns, die wir aufgrund des guten Zustands der Straße bis 14 Uhr zurückgelegt haben. Die Landschaft und die Menschen, denen wir begegnen, sind wie immer faszinierend. Nach einer Stärkung im Restaurant „4 Sisters“ wartet unsere weibliche Führerin – eine Premiere – auf uns im Gemp von Gondar, einem riesigen Areal von Schlössern, die ab dem 17. Jahrhundert hier von diversen Königen gebaut wurden.

 

 

Begeistert waren wir hier unter anderem davon, dass es damals schon Dampfbad und Kosmetikraum gab – einen kleinen Wellnessbereich sozusagen. Während unsere Könige noch in ihren eiskalten Schlössern vor sich hinfroren, wellnesste der äthiopische Adel bereits schon. So reizend wie unsere 22 jährige Führerin war, so schlecht war allerdings ihr Englisch und es kostete uns einige Mühe ihren Ausführungen zu folgen. Zu unserem Entsetzen teilte sie uns mit, dass sie auch noch Deutsch und Spanisch lernen wolle, um in diesen Sprachen Führungen durchzuführen. Da sie bereits in ihrem vierten Englisch-Jahr war, waren wir überglücklich, nicht in ihrem ersten Deutsch-Jahr gelandet zu sein. Nach den Schlössern geht es weiter zur Kirche Debre Berhan Selassie, wieder mit wunderbaren Wandmalereien.

 

 

 

Wir tragen Hose und T-Shirt, unsere Guidin verhüllt sich, aber meint, dass das keine Rolle spielt und so dürfen wir eintreten. Einzige Bedingung ist, dass wir am Vortag nicht mit unserem Partner geschlafen haben und nicht unsere Tage haben… Die Bedingungen scheinen erfüllbar. Gott sei Dank sind wir in Bezug auf bebilderte Kirchen inzwischen in der äthiopisch-orthodoxen Religion so bewandert, dass wir unsere Führerin auch ohne Worte verstehen – besser als mit Worten.

 

 

Die letzte Station für den heutigen Tag ist das Wasserschloss von Fassidilas. Swimmingpool nennen die Äthiopier das riesige Taufbecken, an dem am 19. Januar eines jeden Jahres ein großes Tauffestival stattfindet. Gott sei Dank hatte uns am Morgen Sematcha, der aus Gondar stammt, schon davon erzählt und auf seinem schicken Smartphone auch Fotos gezeigt, sodass wir jetzt annähernd erahnen können, was uns unsere liebreizende Betania darüber mitteilen möchte. Tatsächlich sprachen auch in diesem Fall Bilder wieder mehr als 1000 – in unserem Fall nur vereinzelte – Worte. Es muss ein tolles Event sein, wenn sich die Gondaer Jugend in die Fluten des Taufbeckens stürzt, nachdem alle Täuflinge vom Bischof mit dem Sakrament versehen wurden.

 

 

Unser Fahrer möchte uns noch zwei Märkte zeigen, aber wir streiken und so fährt er uns stattdessen in unser Goha-Hotel, hoch über der Stadt. Es ist das Beste, was die Stadt zu bieten hat: Der Ausblick, der Sonnenuntergang, das Essen und der Wein passen – mehr brauchen wir an diesem Abend nicht mehr.

 

Das Dach von Äthiopien: Der Simien-Nationalpark

Am nächsten Tag steht der Simien-Nationalpark auf dem Programm. Für mich eines der Highlights der Reise aufgrund der Dscheladas, der Blutbrustpaviane, die dort noch zahlreich zu sehen sind und natürlich aufgrund der spektakulären Ausblicke, die sich einem bieten. Wir müssen wieder früh los, denn bis nach Debark, wo die Parkverwaltung ihren Sitz hat, sind es zwei Stunden. Nachdem wir dort registriert wurden und unseren Guide Teddy aufgelesen haben, geht es nochmal eine gute Stunde auf äußerst schlechten Straßen in den Park hinein.

 

 

Begleitet werden wir von einem „Wächter“, der mit seiner Waffe ein wenig überdekoriert wirkt und uns vor bösen Menschen und bösen Tieren bewahren soll. Inständig hoffen wir, dass er seine Waffe nicht schon entsichert hat bei den vielen Schlaglöchern, die wir nun passieren. Aber gleichzeitig erfahren wir, dass eigentlich nie was passiert, was ja durchaus schon beruhigend ist, sodass der Geleitschutz eher eine ABM-Massnahme zu sein scheint und damit durchaus gerechtfertigt ist. Teddy plaudert munter drauf los, erzählt von seinen mehrtägigen Trekkingtouren, die er gerne begleitet, erzählt über den Park, die Tiere und die Pflanzen und lenkt so von dem Hindernis-Parcours etwas ab, den wir absolvieren.

 

 

 

Plötzlich sitzt ein Pavian an der Straße, wir halten an und wenige Meter weiter auf einer Wiese treffen wir auf einen riesigen Pavianclan, der da friedlich grast. Mit meinen Erlebnissen mit den Pavianen verhält es sich ungefähr so wie mit dem Nilpferdtrauma. Aber auch dieses Trauma soll heute geheilt werden. Die Blutbrustpaviane sind nämlich im Gegensatz zu ihren Artgenossen friedliche Vegetarier und begnügen sich damit, das Gras mit seinen Wurzeln auszurupfen und zu verzehren und ab und zu ein bisschen Ungeziefer aus dem Fell ihrer Freunde rauszufischen. Man könnte ihnen stundenlang zusehen, wie sie da friedlich grasen, die Kleinen spielen, ab und zu ein kurzer Krawall ausbricht und dann wieder weitergelaust wird. Sie lassen sich einfach nicht aus der Ruhe bringen. Herrlich – und wir stehen nur zwei Meter daneben.

 

 

Nach diesem Schauspiel möchte Teddy uns 560 m hohe Wasserfälle zeigen und dazu quälen wir uns eine weitere Stunde über die Schlaglochstraßen, die manchmal kaum zu bewältigen sind. Unser geduldiger Fahrer erträgt dies und nicht nur einmal geht es fast nicht mehr weiter.  Wir haben unterwegs immer wieder Stopps, bei denen sich uns Ausblicke bieten, die man einfach nur als gewaltig bezeichnen kann. Ich hab ja schon sehr viel gesehen, aber diese Bergwelt haut einen völlig um. Ich kann es nicht beschreiben und hoffe, dass ein paar Fotos etwas von der Grandiosität widerspiegeln können, die wir live erlebt haben. Dagegen ist der Wasserfall eher unspektakulär. Gut, die Höhe und auch wieder der Ausblick sind fantastisch. Der Wasserfall selbst ist eher ein schmächtiges Rinnsal um diese Jahreszeit. Fast vier Stunden Rückfahrt stehen uns bevor. Teddy mag nichts mehr erzählen, aber immerhin machen wir noch an der höchstgelegenen Lodge Afrikas halt, die Simien-Lodge, das einzige Hotel im Simien-Park. Wenn man keine 180 Dollar pro Nacht ausgeben möchte, bleibt nur noch ein Campingplatz. Von denen gibt es mehrere im Park. Interessehalber lassen wir uns ein Zimmer zeigen. Alles nett, auch ist man dort furchtbar stolz auf das Hotel und beim Preis muss man einfach entscheiden, wenn man im Park übernachten will, ob man nicht doch eher das Zelt vorzieht. Wir gewähren auf der Rückfahrt noch ein paar Einheimischen eine Mitfahrgelegenheit. Man nimmt in Äthiopien immer gerne weitere Fahrgäste mit, da es ja kaum öffentliche Transportmittel gibt und erst recht keine privaten Autos. Gut, dass Ulrike und ich schon seit Tagen einen Schnupfen haben – wir haben am Morgen frisch geduscht. Kann man nicht von allen unseren männlichen Begleitern, die immer mal wieder mit uns ein Stück fahren, behaupten. Als sie aussteigen, bekommt bekommt neben Teddy auch unser bewaffneter Freund von uns Trinkgeld, weil er so gut auf uns aufgepasst hat.

Die heilige Stadt Axum

Nach einer weiteren Nacht in Gondar, führt uns unsere letzte Reiseetappe im Norden nach Axum, ganz im Norden des Landes, nur etwa 30 km von der eritreischen Grenze entfernt. Dazu nehmen wir den Flieger, obwohl es nur etwas mehr als 350 km sind. Aber die Straßenverhältnisse würden daraus mindestens eine Tagesreise machen. Mit einem kurzen Umweg über Lalibela landen wir am späten Vormittag in der heiligen Stadt Axum, wo uns unser Guide und unser Fahrer für den restlichen Tag erwarten. Den Fahrer hatten wir zufällig am Flughafen in Addis eine Woche zuvor kennengelernt und er erinnerte sich sofort wieder an uns – die Welt ist auch in Äthiopien nur ein Dorf.

 

 

 

Unser Guide Menu, ein vor 20 Jahren aus Eritrea Geflohener, zeigt uns zunächst einen Teil des Stelenparks, dem Friedhof der vor- und frühchristlichen axumitischen Herrscher. Die größte Stele ist 33 m hoch und wiegt mehr als 500 Tonnen. Sie gilt als der größte behauene Monolith der Antike. Die kleinen, nicht bearbeiteten Stelen erinnern an Carnac und Stonehenge. Im überschaubaren benachbarten Museum stoßen wir auf einen alten Herrn, der uns die Kostbarkeiten zeigen will und dabei seinen deutschen Wortschatz hervorzaubert. Er hat wohl mit vielen deutschen Archäologen dort gearbeitet und sich dabei ein paar Worte deren Sprache angeeignet. Beim Mittagessen in einem traditionellen Restaurant in Gesellschaft unseres Guides und zahlreicher anderer Einheimischer erfahren wir mehr über die Situation der Eritreer, die in dieser Region einen Teil der Bevölkerung ausmachen.

 

 

Nur wenige Kilometer von Axum entfernt ist eines der größten Flüchtlingslager Afrikas mit 56.000 Flüchtlingen aus Eritrea. Das Grenzgebiet gilt als eines der gefährlichsten des Landes, da Grenzpatroullien versuchen zu vermeiden, dass nachts Flüchtlinge illegal über die Grenze kommen. Dabei wirkt Axum überhaupt nicht wie eine Grenzstadt. Ganz im Gegenteil. Die 60.000 Einwohner zählende Stadt, die ein ausgesprochen hohes Priesteraufkommen hat, aufgrund der Stellung in der orthodoxen Kirche, wirkt sehr wohlhabend. Davon können wir uns auch bei einem abendlichen Spaziergang entlang der Hauptstraße überzeugen, als wir das für uns doch exotisch anmutende Angebot der Geschäfte begutachten, die sich ohne Ende aneinander zu reihen scheinen. Nach einer Stunde Stadtbummel ist man von den vielfältigen Eindrücken und dem Angebot richtiggehend erschöpft.

 

 

Menu erzählt uns beim Mittagessen auch von einer Tradition in Axum, nämlich vom Zitronenwerfen. Einmal im Jahr findet ein Fest statt, bei dem die jungen Männer ihre Auserwählte mit einer Zitrone anschießen können, um zu signalisieren, dass sie ihm gefällt. Ist sie auch der Meinung treten die Familien in die Verhandlungsphase ein. Sehr beruhigt war ich, als ich erfuhr, dass man sich auch entschuldigen und einen neuen Versuch unternehmen kann, wenn man aus Versehen das falsche Mädel angeschossen hat.

Aber bevor wir unseren „Schaufensterbummel“ in Axum antreten können, stehen noch einige Besichtigungen an. Der Weg führt uns zunächst zu den Gräbern der Könige Kaleb und Gebre Maskal. Sie liegen auf einem Plateau, das einen beeindruckenden Blick auf die eritreischen Berge gewährt. Auf dem Weg dorthin machen wir an einem unscheinbaren Häuschen Halt, in dem sich eine Stele befindet, die in drei Sprachen beschriftet ist, in Altgriechisch, in Sabäisch und in Ge ´ez. Diese Stele wurde von drei Bauern in den 70er Jahren auf ihren Feldern gefunden. Erst letztes Jahr hat ein festgefahrener LKW eine Grabkammer entdeckt, als er mit einem Reifen einbrach. Unter der Stadt Axum liegt eine unglaubliche Masse an archäologischen Schätzen, die jedoch nicht gehoben werden kann. Zum Einen fehlt das Geld für Ausgrabungen und zum anderen schweigen die Bauern, die auf ihren Feldern etwas finden, da sie nicht auf Belohnung hoffen können, sondern ihnen lediglich ihr Ackerland genommen wird, um die Funde zu schützen und zu heben.

 

 

Wir sehen auch das legendäre Bad der Königin von Saba, das heute als Wasserreservoir der Stadt dient und in dem nun einige Einheimische ein erfrischendes Bad nehmen. Ob es tatsächlich der sagenumwobenen Königin zuzuschreiben ist, wird jedoch ein Geheimnis bleiben. Genauso verhält es sich auch mit den Ruinen ihres Palastes. Zwar glaubt ein deutscher Archäologe 2008 unter diesen Ruinen den wirklichen Palast gefunden zu haben, aber sehr viel wahrscheinlicher ist es, dass es sich lediglich um ein geräumiges Haus eins Adligen handelt.

 

 

 

Der letzte Programmpunkt des Tages stellt auch den Höhepunkt der Besichtigung von Axum dar, das Areal um die Marienkathedrale. An dieser Stelle stand offensichtlich die erste Kirche Äthiopiens. Die heutige Marienkathedrale wurde in den 60er Jahren von Kaiser Haile Selassie gebaut und hatte wohl damals nicht wenige Gläubige entsetzt, weil sie große Ähnlichkeit mit einer Moschee aufweist. An sich leben die 50 % Orthodoxen Christen und die 35 % Muslime in ganz Äthiopien sehr friedlich seit Jahrhunderten zusammen, aber Axum gilt als wichtigste und heiligste Stadt der Orthodoxen in Äthiopien und wird stark von orthodoxen Gläubigen dominiert. Daher schien eine Annäherung an islamische Architektur doch sehr gewagt. Noch eines war gewagt: Gemäß dem westlich orientierten Kaiser sollten hier Männer und Frauen gemeinsam beten. Aber warum sind denn nun dieser Bereich und die Stadt Axum so besonders heilig? Hier ist gemäß der Äthiopischen Auslegung die Bundeslade beheimatet.

 

 

 

Die äthiopische Geschichte sagt, dass die Königin von Saba nach Jerusalem reiste, um den weisen König Salamon zu besuchen. Bei diesem Besuch wurde sie schwanger. Als der gemeinsame Sohn Menelik I seinen Vater nach 22 Jahren besuchte, gab ihm dieser die Gesetzestafeln von Moses mit nach Äthiopien, wo sie seither mit kleinen Unterbrechungen aufbewahrt werden. Kaiser Haile Selassie ließ Anfang der 60er Jahre ein Haus dafür bauen, worin die Gesetzestafeln heute noch in einer Holztruhe aufbewahrt und von einem Mönch bewacht werden. Dieser übt sein Amt ein ganzes Leben lang aus und verlässt das Gelände Zeit seines Lebens nicht mehr. Ob es sich wirklich um die Original-Tafeln handelt, wird seit Jahrhunderten von Historikern diskutiert, aber von den Äthiopiern nie angezweifelt. Nachfragen eifriger Wissenschaftler, die gerne die Echtheit überprüfen möchten, stoßen auf Unverständnis, weil es ja in Äthiopien bezüglich der Echtheit keinerlei Zweifel gibt.

 

 

Unsere Unterkunft in Axum ist super gelegen und wirklich luxuriös. Ein Hotel wie das Hotel Yared Zema hätten wir sicherlich nicht in Äthiopien erwartet. Das Abendessen in so einem Stadthotel ist kein Highlight, rein wegen der sehr nüchternen Atmosphäre des Restaurants, aber wir haben viel zu beobachten, unter anderem eine deutsche Reisegruppe – in Axum sieht man erstaunlich viele Touristen – speist nebenan und wir bewundern eine Dame aus der Gruppe, die mit weißer Handtasche und weißer Hose nach Äthiopien verreist, da wir inzwischen doch ziemlich eingestaubt aussehen.

 

 

Am 24. Dezember haben wir einen Flugtag. Erst geht es von Axum nach Addis zurück und dann nach einem kurzen Aufenthalt, bei dem wir uns mal wieder über Wifi freuen, hinunter nach Arba Minch. Fliegen ist in Äthiopien irgendwie immer interessant, vor allem, wenn man aus etwas abgelegenen Gegenden reist und sich wie diesmal ganze Familienclans mit uns auf den Weg machen. Alles Mögliche wird in Plastiktüten und Kartons transportiert und mit den allgemeinen Fluggepflogenheiten sind auch nicht alle in der Familie vertraut. Das macht es abenteuerlich, zumal man zu jedem Flug durch zwei Sicherheitskontrollen ohne Schuhe muss. Wir haben immer noch Schnupfen…

 

 

Wir sind so gespannt, was uns im Süden erwartet.

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