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EISFESTIVAL HARBIN

Eisfestival von Harbin

Wo fliegen wir nach Weihnachten hin? Zum Eisfestival in Harbin? Etwas ungläubig musste ich nochmal nachfragen, vielleicht lag es ja auch nur an meiner schlechten Skype-Verbindung, die ich gerade mit meiner Nichte Anna-Lena unterhielt, die für ein Jahr zu einem Studienaufenthalt in Shanghai weilte. Harbin? Wo ist das denn? In der Nähe der russischen Grenze? Und da wollen wir Ende Dezember hin? Na klasse!

Stadt aus Eis

Stadt aus Eis

Warum nicht? Die Metropolen und touristischen Highlights Chinas kannte ich ja schon von vorhergehenden Besuchen. Außerdem hatte ich vor, Anna-Lena an Weihnachten zu besuchen. Zuvor wollte ich aber allein, auf eigene Faust, ein paar Regionen Chinas erforschen, in denen der Tourismus noch nicht so verbreitet war, wenigstens der nicht-chinesische Tourismus.

Wie sich im Nachhinein herausstellte, wäre ich meiner Nichte vermutlich auch an den Nordpol gefolgt. So froh war ich, dass ich nach drei Wochen Südchina, in denen ich quasi kommunikationsfrei lebte, mangels irgendwelchen Menschen, die sich auch nur annähernd über „Hello“ hinaus, mit mir auf Englisch hätten unterhalten können, wieder einen lieben Menschen in meiner Gesellschaft hatte.

abendliche Stimmung beim Eisfestival

abendliche Stimmung beim Eisfestival

Das Eisfestival von Harbin – seit 1985 Magnet für Besucher aus aller Welt

Inzwischen hatte ich natürlich auch schon ein wenig über Harbin gelesen:
Bereits seit 1985 heißt dieses spektakuläre Festival von Dezember bis Mitte Februar jährlich Tausende Besucher aus der ganzen Welt willkommen und begeistert sie mit seinen aus Eis und Schnee gefertigten und stimmungsvoll inszenierten Kunstwerken, die sich über die ganze Stadt verteilen und nachts wundervoll beleuchtet werden.

gigantische Schneeskulpturen

gigantische Schneeskulpturen

Die Bilder im Internet waren faszinierend! Leider auch die Temperaturprognosen. 40 Grad Minus – war die Normalwitterung während unserer Reisezeit. Was trägt man denn da? Vor allem, wenn man mit dem Rucksack unterwegs ist und sich durch mehrere Klimazonen im Laufe der vergangenen Wochen bewegte. Die Überlegungen waren müßig, denn dieser Kälte hielten dauerhaft keine Stücke aus meiner Reisegarderobe stand. Erst nachdem wir den Flug gebucht hatten, stellte ich im Internet fest, dass das Eisfestival erst Anfang Januar offiziell eröffnet wird. Na wunderbar – und was machen wir dann schon am 25.12. dort? Aber die Befürchtungen waren unbegründet, denn natürlich entstehen solche Kunstwerk nicht an einem Tag. In wochenlanger Arbeit erschaffen nationale und internationale Künstler aus der ganzen Welt eine begehbare Schneestadt aus Eis- und Schnee, Kopien von Gebäuden, Wahrzeichen oder Skulpturen.

Schneestadt

Schneestadt im Eisfestival

Klirrende Temperaturen in Nordchina

Wir hatten Glück, als wir am ersten Weihnachtsfeiertag am frühen Nachmittag nach einem dreistündigen Flug ab Shanghai in Harbin ankamen. Es hatte nur etwa 35 Grad Minus, Harbin lag unter einer dichten Wolkendecke und auch ansonsten suchten wir zunächst vergebens nach dem Charme dieser nordchinesischen Metropole. Der russische Einfluss war omnipräsent und so wurden wir auch trotz des fließenden Chinesisch von Anna-Lena immer wieder für Russen gehalten. Gerade die Restaurantbetreiber wollten so gar nicht verstehen, dass ich sowohl mit der Chinesischen Speisekarte wie auch mit der Russischen Übersetzung völlig überfordert war.

Künstler bei der Arbeit

Künstler bei der Arbeit

Schnell stellte sich heraus, dass das Areal, wo das Eisfestival stattfand, zweigeteilt war. Zum Einen die Eisstadt und zum Anderen die Schneeskulpturen. Aber auch in der Innenstadt von Harbin traf man überall auf Kunstwerke und Bauten aus Eis. Wir machten es genau richtig, denn um überhaupt erst eine Orientierung zu bekommen, besuchten wir am Abend erst einmal, die etwas näher zur Stadt gelegene Eisstadt, die vor allem in der abendlichen Beleuchtung richtig zu Geltung kam. Man fühlte sich wie ein Kind, das in eine Märchenwelt eintauchte. In einem etwa zweitstündigen abendlichen Bummel kann man sich durch die Straßen des Geländes treiben lassen, die flankiert von den in Leuchtfarben angestrahlten Kunstwerken sind. Wenn es einem dann selbst in dem zentimeterdicken Zwiebellook, den man zwangsläufig tragen muss, zu kalt wird – und das passiert relativ schnell – dann kann man sich in eines der kleinen Schneecafés retten. Allerdings richtig gemütlich wird es da auch nicht. Die geschäftstüchtigen Chinesen hatten auch schon 10 Tage vor der offiziellen Eröffnung eine perfekte Shuttle-Bus-Organisation zwischen den Hotels in der Stadt und den Eisfestival-Geländen eingerichtet und selbst als nicht-chinesisch-sprechender Tourist, war es problemlos möglich, sich hier anzuschließen.

Schneeskultpur am Abend

Schneeskultpur am Abend

Dankenswerterweise hatte einige Monate, bevor wir nach Harbin kamen, ein ganz neues Ibis Hotel im Stadtzentrum eröffnet. Normalerweise meide ich diese Kettenhotels, aber in unserem Fall war es einfach ein Segen. Neu, sauber, mit Laminat (jeder, der schon einmal in China war und versucht hat, ohne Hautkontakt mit dem Teppichboden den Aufenthalt zu überstehen, weiß, wovon ich spreche) und vor allem mit einer Heizung, die auf der Temperaturskala nach oben offen, zu regulieren war.

Impression in der Stadt

Impression in der Stadt

Kunstwerke in der Stadt und auf dem Gelände des Eisfestival

Und dann die Überraschung am nächsten Morgen. Hatten wir doch gelesen, dass der Himmel über Harbin fast immer grau ist und nahezu immer eine dicke Dunstwolke über der Stadt hängt – bei uns wollte das Wetter eine Ausnahme machen. Dunkelblauer Himmel, strahlender Sonnenschein und nur noch etwa 28 Grad Minus! Perfekter hätte der Hintergrund für unsere Fotos bei den Schneeskulpturen nicht sein können. Mehr als 2000 Kunstwerke werden hier jährlich geschaffen und es werden jedes Jahr mehr. Die Eis- und Schneeskulpturen brachten Harbin bereits mehrere Einträge ins Guiness Buch der Rekorde, unter anderem für die Kopie der Großen Mauer, die mit 958 Metern die längste Eiskonstruktion der Welt darstellte. Man kann Künstlern beim Schnitzen von Eis- und Schneeskulpturen zuschauen, Eiskunstausstellungen besuchen oder Chinesen beim beliebten Winterschwimmen beobachten. Zahlreiche Highlights stehen während der Festivalzeit auf dem Programm.

Treiben am Fluss

Treiben am Fluss

Neben der passenden Kleidung für die Extremtemperaturen sollte man auch daran denken, dass sich die Akkus der Kamera und Handys bei -40 Grad extrem schnell entladen. Und nichts wäre ärgerlicher, als diese genialen Fotomotive ungenutzt zu lassen.

Szenen am Fluss

Szenen am Fluss

Gelungener hätte unser Kurzausflug nach Harbin nicht verlaufen können – ein einzigartiges Erlebnis, vor allem auch weil sich hier westliche und chinesische Ansprüche an Kunst und Darbietung vermischen. Wer friert da nicht gerne ein bisschen, um an so einem Spektakel teilzunehmen?

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